Die Integration von Künstlicher Intelligenz (KI) in die medizinische Praxis schreitet mit rasantem Tempo voran. Dabei stehen Ärztinnen und Ärzte vor der Herausforderung, mit diesen neuen Technologien Schritt zu halten. Am 21. Februar 2025 veröffentlichte der Wissenschaftliche Beirat der Bundesärztekammer eine wegweisende Stellungnahme zu diesem Thema. Das Dokument “Künstliche Intelligenz in der Medizin” beschäftigt sich eingehend mit den Auswirkungen dieser Technologie auf den ärztlichen Beruf und die Patientenversorgung.
Veränderungen im ärztlichen Alltag durch KI
Die Anwendungsmöglichkeiten von KI im medizinischen Bereich sind vielseitig und wachsen stetig. KI-Systeme unterstützen bereits heute bei der Bildanalyse, Diagnosestellung und Therapieplanung. Sie helfen dabei, große Datenmengen zu analysieren und können Muster erkennen, die dem menschlichen Auge verborgen bleiben.
Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, hebt hervor: “KI kann Ärztinnen und Ärzte dabei unterstützen, Informationen zu bündeln, sie von repetitiven Tätigkeiten zu entlasten und so mehr Raum für den Arzt-Patienten-Kontakt zu schaffen.”
Diese positiven Aspekte bringen jedoch auch Verantwortung mit sich. Die Plausibilitätsprüfung der KI-generierten Vorschläge bleibt eine unersetzliche ärztliche Aufgabe. Mediziner müssen in der Lage sein, die Ergebnisse der KI kritisch zu bewerten und einzuordnen.
Digitale Bildung als Schlüsselelement
Die Stellungnahme unterstreicht die zentrale Bedeutung der digitalen Bildung in allen Phasen der ärztlichen Karriere. “Die Vermittlung der erforderlichen digitalen Kompetenzen in der ärztlichen Aus-, Weiter- und Fortbildung ist von zentraler Bedeutung”, betont Reinhardt.
Diese Bildungsinitiative umfasst mehrere Dimensionen:
- Technisches Verständnis: Grundlagen der KI-Funktionsweise verstehen
- Anwendungskompetenz: KI-Tools sinnvoll in den klinischen Alltag integrieren
- Kritische Bewertung: Grenzen und Risiken der KI-Anwendungen erkennen
- Ethische Reflexion: Moralische Aspekte des KI-Einsatzes berücksichtigen
Die Integration dieser Kompetenzen in bestehende Lehrpläne stellt das Bildungssystem vor neue Aufgaben. Medizinische Fakultäten müssen ihre Curricula anpassen und Weiterbildungsprogramme entwickelt werden.
Kommunikative Fähigkeiten im KI-Zeitalter
Neben technischen Fertigkeiten betont die Stellungnahme auch die Wichtigkeit sozialer Kompetenzen. Prof. Dr. Ulrike Attenberger, Mitglied des Arbeitskreises, erklärt: “Erforderlich sind zudem kommunikative Kompetenzen, um den Umgang mit Unsicherheiten von Patientinnen und Patienten zu erleichtern und gegenseitiges Vertrauen in eine KI-unterstützte Medizin zu schaffen.”
Diese Kommunikationsfähigkeiten umfassen:
- Die verständliche Erklärung von KI-Empfehlungen
- Den transparenten Umgang mit Unsicherheiten und Grenzen der KI
- Das Schaffen von Vertrauen in KI-unterstützte Entscheidungen
- Die Beibehaltung der menschlichen Komponente in der Arzt-Patient-Beziehung
In einer Zeit, in der Patienten zunehmend selbst auf medizinische KI-Anwendungen zugreifen können, wird die Fähigkeit, deren Ergebnisse einzuordnen und zu erklären, zu einer Kernkompetenz ärztlicher Tätigkeit.
Der Wandel ärztlicher Rollen
Prof. Dr. Michael Hallek, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirates, fasst die Entwicklung zusammen: “Insgesamt wird deutlich, dass sich das Gesundheitswesen und insbesondere die ärztliche Tätigkeit durch den vermehrten Einsatz von KI verändern wird und dass der ärztlichen Mitgestaltung dieses Wandels wesentliche Bedeutung zukommt.”
Diese Veränderung betrifft verschiedene Aspekte:
1. Vom Informationsverarbeiter zum Informationsbewerter
KI-Systeme können enormen Datenmengen verarbeiten und Zusammenhänge herstellen. Die ärztliche Rolle verschiebt sich dadurch vom primären Informationsverarbeiter hin zum kritischen Bewerter von KI-generierten Informationen. Die Interpretation und Kontextualisierung dieser Daten erfordert medizinisches Fachwissen und klinische Erfahrung.
2. Intensivierung des menschlichen Kontakts
Durch die Übernahme zeitaufwändiger Datenanalyse kann KI Freiräume für intensivere Arzt-Patient-Gespräche schaffen. Diese menschliche Komponente der Medizin gewinnt in einer technologisierten Umgebung an Bedeutung.
3. Neue Formen der Zusammenarbeit
KI verändert die Arbeitsabläufe in medizinischen Einrichtungen. Interdisziplinäre Teams, die medizinisches und technologisches Fachwissen vereinen, werden zunehmend wichtig. Die Zusammenarbeit zwischen Ärzten, Datenwissenschaftlern und KI-Experten prägt die moderne Medizin.
4. Erweiterte Verantwortungsbereiche
Ärzte tragen Verantwortung für die angemessene Nutzung von KI-Systemen. Sie müssen deren Grenzen kennen und im Zweifel bereit sein, KI-Empfehlungen zu hinterfragen oder abzulehnen, wenn diese dem Patientenwohl nicht dienlich erscheinen.
KI-Risiken und ethische Überlegungen
Die Stellungnahme beleuchtet auch die Risiken und Herausforderungen, die mit dem Einsatz von KI in der Medizin verbunden sind:
Datenschutz und Datensicherheit
Die Nutzung von Patientendaten für KI-Anwendungen erfordert höchste Sicherheitsstandards. Ärzte müssen mit datenschutzrechtlichen Anforderungen vertraut sein und diese im klinischen Alltag umsetzen können.
Wahrung der ärztlichen Autonomie
KI-Systeme dürfen die ärztliche Entscheidungsfreiheit nicht einschränken. Sie sollen als Unterstützungswerkzeuge dienen, nicht als Ersatz für ärztliche Urteilskraft.
Transparenz algorithmischer Entscheidungen
Die “Black Box” vieler KI-Systeme stellt eine Herausforderung dar. Ärzte sollten grundsätzlich verstehen können, auf welcher Basis KI-Systeme zu ihren Empfehlungen gelangen.
Verzerrungen in den Trainingsdaten
KI-Systeme können Vorurteile aus ihren Trainingsdaten übernehmen. Die kritische Prüfung auf mögliche Diskriminierung bestimmter Patientengruppen gehört zur ärztlichen Verantwortung im Umgang mit KI.
Historischer Kontext und zukünftige Entwicklung
Die aktuelle Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats baut auf früheren Arbeiten auf. Sie ergänzt die 2021 erschienene Stellungnahme “Entscheidungsunterstützung ärztlicher Tätigkeit durch KI” der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer (ZEKO).
Diese kontinuierliche Auseinandersetzung zeigt, dass die Ärzteschaft den digitalen Wandel aktiv mitgestalten will. Die Stellungnahme soll auch als Grundlage für Diskussionen auf dem 129. Deutschen Ärztetag 2025 in Leipzig dienen.
Konkrete Umsetzungsschritte
Um die beschriebenen Ziele zu erreichen, sind konkrete Maßnahmen erforderlich:
In der Ausbildung
- Integration von KI-Modulen in das Medizinstudium
- Praktische Übungen zum Umgang mit KI-Systemen
- Interdisziplinäre Lehrveranstaltungen mit Informatik und Ethik
In der Weiterbildung
- Spezifische Fortbildungsangebote zu KI in den verschiedenen Fachrichtungen
- Hospitationsprogramme in KI-fortschrittlichen Einrichtungen
- Zertifizierte Kurse zum Thema “KI in der Medizin”
Im klinischen Alltag
- Pilotprojekte zur Integration von KI in klinische Abläufe
- Regelmäßige Evaluierung des Nutzens und der Risiken
- Interdisziplinäre Fallbesprechungen zu KI-unterstützten Entscheidungen
Auf struktureller Ebene
- Schaffung von Richtlinien für den ethisch vertretbaren Einsatz von KI
- Etablierung von Qualitätsstandards für medizinische KI-Anwendungen
- Förderung der Forschung zur Wirksamkeit und Sicherheit von KI
Internationale Perspektiven
Die Herausforderungen im Zusammenhang mit KI in der Medizin sind global. Deutschland kann von internationalen Erfahrungen lernen und gleichzeitig eigene Standards setzen.
In Ländern wie den USA, China und Israel ist der Einsatz von KI in der Medizin teilweise weiter fortgeschritten. Die deutsche Ärzteschaft hat die Chance, von diesen Erfahrungen zu profitieren und gleichzeitig einen eigenen Weg zu finden, der hohe Qualitätsstandards mit ethischen Grundsätzen verbindet.
Die europäische Zusammenarbeit spielt dabei eine wichtige Rolle. Der EU AI Act schafft einen rechtlichen Rahmen, innerhalb dessen sich die medizinische KI-Anwendung bewegen muss.
Praktische Beispiele für den KI-Einsatz in der Medizin
Um die Diskussion zu konkretisieren, lohnt sich ein Blick auf aktuelle Anwendungsbeispiele:
Bildgebende Verfahren
KI-Algorithmen unterstützen bei der Analyse von Röntgenbildern, CT- und MRT-Scans. Sie können Auffälligkeiten markieren und Ärzten helfen, keine relevanten Details zu übersehen.
Diagnostische Unterstützung
KI-Systeme können Symptommuster analysieren und Ärzten Differentialdiagnosen vorschlagen. Die endgültige Diagnosestellung bleibt jedoch in ärztlicher Hand.
Therapieplanung
Auf Basis großer Datenmengen können KI-Systeme individuelle Therapievorschläge machen, die auf den spezifischen Patientenmerkmalen basieren.
Administrative Entlastung
Spracherkennungssysteme können Arztbriefe und Dokumentationen automatisieren und so den bürokratischen Aufwand reduzieren.
Der Patient im KI-Zeitalter
Nicht nur Ärzte, auch Patienten müssen sich auf Veränderungen einstellen. Eine KI-unterstützte Medizin kann zu verbesserten Behandlungsergebnissen führen, erfordert aber auch ein neues Verständnis der Arzt-Patient-Beziehung:
- Patienten müssen über den Einsatz von KI informiert werden
- Die Entscheidungshoheit über die Behandlung bleibt beim Patienten
- Das Vertrauen in die ärztliche Kompetenz muss auch im KI-Zeitalter erhalten bleiben
- Datenschutzaspekte müssen transparent kommuniziert werden
Resümee und Ausblick
Die Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesärztekammer markiert einen wichtigen Schritt in der Auseinandersetzung mit KI in der Medizin. Sie betont die Notwendigkeit, Ärztinnen und Ärzte auf den digitalen Wandel vorzubereiten und die Chancen der KI zum Wohle der Patienten zu nutzen.
Die kommenden Jahre werden zeigen, wie sich die KI in der medizinischen Praxis etabliert. Entscheidend wird sein, dass Ärztinnen und Ärzte nicht nur Anwender, sondern aktive Gestalter dieser Entwicklung bleiben.
Der 129. Deutsche Ärztetag 2025 in Leipzig wird eine wichtige Plattform bieten, um diese Themen weiter zu vertiefen und konkrete Handlungsschritte zu vereinbaren.
Key Takeaways
- Die Bundesärztekammer fordert bessere Vorbereitung von Ärzten auf den Umgang mit KI in der Medizin
- Digitale Kompetenzen müssen in ärztliche Aus-, Weiter- und Fortbildung integriert werden
- KI kann Ärzte entlasten und mehr Raum für den Arzt-Patienten-Kontakt schaffen
- Kommunikative Fähigkeiten gewinnen an Bedeutung, um Patientenvertrauen in KI-gestützte Medizin aufzubauen
- Die ärztliche Rolle wandelt sich vom Informationsverarbeiter zum kritischen Bewerter von KI-Empfehlungen
- Ethische Fragen und Datenschutz bleiben zentrale Herausforderungen
- Der Deutsche Ärztetag 2025 in Leipzig wird das Thema weiter vertiefen